Die Geschichte der Mülheimer Wohnungsbau eG

Die Gründung unserer Genossenschaft

23 evangelische Arbeiter und Handwerker haben am 22. Juni 1898 – übrigens dem Geburtstag von Erich Maria Remarque („Im Westen Nichts Neues“) – unter der Führung von August Kirchberg den Spar- und Bauverein evangelischer Bürger und Arbeiter ins Leben gerufen. Das passte zum Zeitgeist: Damals entstanden viele Wohnungsgenossenschaften, weil gesunder und lebenswerter Wohnraum für Menschen mit kleinem Einkommen in den großen Städten Mangelware war.

Erste Anstrengungen

Die Genossenschaft setzte auf Solidarität und gegenseitige Unterstützung: Mit dem Erwerb der Genossenschaftsanteile war für die Mitglieder bei allen Baumaßnahmen der Genossenschaft das Recht des ersten Zugriffs auf den jeweils neuen Wohnraum verbunden. Im Mülheimer Generalanzeiger vom 14. Juli 1898 wird über das Sommerfest des Evangelischen Bürger- und Arbeitervereins im damals beliebten Ausflugslokal Tersteegensruh im Witthausbusch berichtet. In seinem Festvortrag lobt Pfarrer Weber die Gründung des Spar- und Bauvereins als eine „sozialpolitisch fördernd wirkende“ Initiative. 

Die ersten Baugrundstücke lagen an der Kreuzstraße, Auf dem Born, am Werdener Weg und an der Dimbeck in Holthausen. Später kamen weitere Baugrundstücke an der Heinrichstraße und an der Kappenstraße hinzu. Am 1. November 1899 konnten an der Kreuzstraße die ersten vier Häuser mit insgesamt 12 Wohnungen bezogen werden.

Wachstum in der "Weimarer Zeit"

In den folgenden Jahren wuchs die Genossenschaft sehr schnell und gewann immer mehr Mitglieder. Im Juni 1906 verschmolz der der Spar- und Bauverein evangelischer Bürger und Arbeiter mit dem im Jahr 1900 gegründeten Allgemeinen Bau- und Sparverein. Der neue Name: Mülheimer Spar- und Bauverein eG. 

In Zusammenarbeit mit dem Architekten Theodor Suhnel (1886 – 1965), dessen Name sich auch mit der Krupp-Siedlung auf der Heimaterde verbindet, ließ die Genossenschaft in den 20er Jahren Häuser und Siedlungen am Schachtweg, am Heelweg, an der Kappenstraße, an der Aktienstraße, an der Adolfstraße, an der Von-Bock-Straße, an der heutige Paul-Essers-Straße, die damals noch Kasernenstraße hieß und an der Kämpchenstraße errichten. Im Jahr 1929 gehörten zum Bestand der Genossenschaft 126 Erwerbshäuser mit 250 Wohnungen und 58 Mietshäuser mit 240 Wohnungen.

126

Erwerbshäuser

250

Wohnungen

58

Mietshäuser

1863 – 1945

August Kirchberg

Er war die treibende Kraft hinter den ersten Erfolgen der Genossenschaft: Der gelernte Gerber August Kirchberg (geb. am 2. Juli 1863) führte den Spar- und Bauverein zunächst ehrenamtlich als Vorsitzender eines neunköpfigen Aufsichtsrates, ehe er am 1. März 1900 als hauptamtlicher Geschäftsführer bestellt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er 1918 zu den Gründern der liberalen Deutsche Volkspartei. Er stand bis 1942 als Geschäftsführer des Spar- und Bauvereins.

Auf Vorschlag des Beigeordneten und Stadtbaurates Arthur Brocke, beschloss der Bauausschuss der Stadt Mülheim im Jahr 1930 einstimmig, dem Neubauprojekt zwischen Gracht und Walkmühlenstraße den Namen „Kirchbergs Höhe“ zu geben. Brocke selbst wurde später Opfer einer Rufmordkampagne der Nationalsozialisten und beging 1933 Selbstmord.

Es blieb August Kirchberg nicht erspart, die schrecklichen Auswirkungen der nationalsozialistischen Diktatur und die massiven Zerstörungen des 2. Weltkriegs mitzuerleben. Viele Gebäude, die unter seiner Leitung erbaut worden waren, lagen bei Kriegsende in Trümmern. August Kirchberg starb schließlich kurz nach Kriegsende, am 31. August 1945.

Nationalsozialismus und Gleichschaltung

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden jüdische Unternehmen von städtischen Aufträgen ausgeschlossen. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen erlebten die Mülheimer die rasch voranschreitende Gleichschaltung.

In deren Rahmen musste sich der Spar- und Bauverein 1942 mit der 1920 in Heißen gegründeten Spar- und Baugenossenschaft Eigenheim Mülheim zur Genossenschaft Mülheimer Wohnungsbau zusammenschließen.

August Kirchberg wurde durch das NSDAP-Mitglied Heinrich Genner abgelöst und musste als dessen Stellvertreter in die zweite Reihe zurücktreten.

Nachkriegszeit und Wiederaufbau

Vor Kriegsbeginn waren in Mülheim insgesamt 43.000 Wohnungen gezählt worden. Bei Kriegsende waren es 12.000 weniger. Im Sommer 1945 lagen 800.000 Kubikmeter Trümmerschutt auf den Straßen der bei Kriegsende nur noch von rund 88.000 Menschen bewohnten Stadt. 29 Prozent der Mülheimer Wohnungen – darunter auch 413 Wohnungen aus dem Bestand der Genossenschaft – waren zerstört.

Jetzt sollte zügig neuer Wohnraum entstehen und die Politik unterstützte den Wiederaufbau nach Kräften: Stadt und Land investierten allein im Jahr 1950 insgesamt zehn Millionen D-Mark in den Mülheimer Wohnungsbau. Die Stadt bearbeitete 1950 achtmal mehr Bauanträge, als im letzten Vorkriegsjahr 1939. Meist setzte man jetzt auf eine schnelle Fertigstellung, entsprechend schlicht war die Außengestaltung vieler Gebäude. Mit dem zweiten Wohnungsbaugesetz von 1956 wurden außerdem das Wohngeld und Bausparprämien eingeführt. Mit dem von der Stadt und dem Land massiv mitfinanzierten Bauboom der 50er Jahre war die akute Wohnungsnot der Nachkriegsjahre bis zum Beginn der 60er Jahre beseitigt worden.

60er und 70er Jahre

Über gut 3.000 Wohnungen verfügte MWB im Jahr 1960, doch bei der Genossenschaft standen auch weiterhin hunderte Wohnungssuchende auf den Wartelisten. Waren die 50er Jahre noch vom Wiederaufbau geprägt, so bestimmten Ausbau und die Schaffung von neuem Wohnkomfort sowie die ersten Neubauten der MWB die 60er und frühen 70er Jahre.

 

Schon in den 50er Jahren hatte die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft nicht nur Wohnungen, sondern im Sinne von modernem Wohnkomfort und Nahversorgung ihrer Mieter auch Ladenlokale, Garagen, Waschküchen, Grünanlagen und Spielplätze errichtet. Ab 1960 waren Bad, Dusche und WC in der Wohnung bei Neubauten Standard. Allein von 1968 bis 1973 investierte die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft 11,3 Millionen Mark in ein groß angelegtes Modernisierungsprogramm. Das Geld floss in den Einbau neuer Bäder, neuer elektrischer Leitungen, neuer Heizungsanlagen sowie in den Einbau von lärm- und wärmedämmender Isolierfenster.

 

Im Jubiläumsjahr 1973 war die Zahl der MWB-Genossen auf 6855 und der Bestand der MWB-Wohnungen auf 3680 angewachsen. Von 1968 bis 1976 wuchs die Bilanzsumme der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft von 48 auf 95 Millionen Mark, 1981 überschritt sie mit 106 Millionen Mark erstmals die 100-Millionen-Grenze. Allerdings folgte dem Bauboom schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre unter dem Vorzeichen deutlich gestiegener Bau- und Grundstückspreise und gleichzeitig zurückgehender Einwohnerzahlen eine Phase der Stagnation.

Das Ende der Wohnungsgemeinnützigkeit

Lange hatten die Wohnungsbauunternehmen in Deutschland von der steuerbefreiten Gemeinnützigkeit profitiert, die ihnen aber auch viele Schranken auferlegt hatte: Sie durften durch ihre Tätigkeit keine oder fast keine Gewinne machen. Das änderte sich durch das Steuerreformgesetz: Mit dem 1. Januar 1990 war auch die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft nicht mehr gemeinnützig. 1994 gründete die Genossenschaft mit der Mülheimer Wohnungsbau,- Betreuungs- und Verwaltungsgesellschaft eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, in der die Bereiche gebündelt wurden, die über das Kerngeschäft der Genossenschaft hinausgingen und damit gewerbeertragssteuerpflichtig waren.

Günstige Mietwohnungen in Mülheim an der Ruhr und Umgebung, das sollte aber auch weiterhin das übergeordnete Ziel sein. So hielt MWB auch in der neuen Satzung, die die Vertreterversammlung im Juni 1990 beschlossen hatte, fest: „Zweck der Genossenschaft ist vorrangig die sozial verantwortbare Wohnversorgung ihrer Mitglieder.“

Innovation wurde groß geschrieben: Die Genossenschaft richtete schon 1991 erste rollstuhlgerechte Wohnungen mit Eingangsrampe und befahrbarem Badezimmer ein, als andernorts von barrierefreiem Bauen und Wohnen noch keine Rede war. Auch der Wohnungstausch zwischen Senioren und Familien wurde ab 1991 zum Vorzeigeprojekt, das nicht nur in den Medien, sondern auch bei Mieterschützern, Sozialforschungsinstituten, Bauministerien und in anderen Städten Nachahmer fand. Die MWB stellte mit der Soziologin Hiltrud Siepmann zum 1. Juli 1991 eigens eine Projektmitarbeiterin ein, die vor Ort Alt und Jung zusammenbrachte und dabei die individuelle Bedarfslage klärte.

Als die MWB 1998 unter anderem mit 14 Mieterfesten und einer Ausstellung in der Sparkasse ihren 100. Geburtstag feiern konnten, wohnten rund 10.000 Mülheimer in ihren damals 4.379 Wohnungen.

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MWB im 21. Jahrhundert

Günstige Mietwohnungen für Normal- und Geringverdiener sind auch weiterhin das Erkennungszeichen der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft. Allerdings hat die Genossenschaft im 21. Jahrhundert ihr Angebot erheblich vergrößert und ist zum vielseitigen Immobiliendienstleister geworden.

Neben der Vermietung und Bewirtschaftung der über 5.000 Mietwohnungen befassen sich spezialisierte Abteilungen bei MWB auch mit anderen immobilienbezogenen Aufgaben: Ein eigenes Team für die Verwaltung von Eigentumswohnungen und anderen Fremdimmobilien betreut mehr als 2.000 Wohnungen privater Eigentümer. Im Bauträgergeschäft ist die Wohnungsbaugenossenschaft ebenfalls erfolgreich: MWB baut und verkauft Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen und stößt dabei auf erhebliches Interesse. Schließlich ist die Abteilung Planen & Bauen der Genossenschaft auch in der Projektentwicklung tätig. Für institutionelle Auftraggeber errichtet MWB Spezialimmobilien, wie beispielsweise Seniorenzentren im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes.

Die Rolle der Stadtentwicklung

Stadtentwicklung spielt eine wichtige Rolle im heutigen Selbstverständnis der Genossenschaft: Wo es möglich und sinnvoll ist, da bringt sich MWB aktiv ein. Beispiele dafür sind etwa das 2015 eingeweihte Ruhrquartier und das ebenfalls an der Ruhrpromenade gelegene StadtQuartier Schlossstraße (SQS).

In dem die Genossenschaft, zusammen mit aktiven Bürgern, etwa in Saarn, Heißen und Speldorf, generationsübergreifende und barrierefreie Gemeinschaftswohnprojekte, etwa in der ehemaligen Grundschule am Fünter Weg („Wohnhof Fünte“), im ehemaligen Haus Senfkorn am Kloster Saarn oder mit Neubauten an der Brüssler Allee und an der Friedhofstraße realisiert hat und weiterhin realisiert, leistet sie einen entscheidenden Beitrag zu einer Quartiersentwicklung. Diese Quartiersentwicklung ist wiederum eine Voraussetzung für die positive Gestaltung des demografischen Wandels in Mülheim, in dem heute schon jeder dritte Einwohner älter als 60 Jahre ist.

Das Ziel der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft heute und in Zukunft: Gute, bezahlbare Wohnangebote für Menschen aller Einkommensklassen zu schaffen und die Genossenschaftsmitglieder ein Leben lang zu unterstützen und zu begleiten.