26.09.2019

Wir müssen nicht nur in Gebäude investieren, sondern auch in Menschen

Am 13. September 2019 schrieb die WAZ: "Klage über Ellenbogen-Gesellschaft". Dann zitierte die Zeitung aus einer Studie des Allensbach-Instituts, nach der viele Menschen mittleren Alters meinen, dass der Umgang in unserer Gesellschaft rauer wird und die Menschen sich nur noch selbst die nächsten seien.
 
Solche Nachrichten können auch eine Wohnungsgenossenschaft wie MWB nicht kalt lassen. Zwar spielen naturgemäß Gebäudetechnik, Dämmung, Energiemixe etc. die Hauptrolle bei vielen Überlegungen einer Wohnungsbaugenossenschaft. Das ist klar, denn die Qualität des Gebäudebestandes ist natürlich sehr wichtig.
 
Aber wenn man durch die Wohnungsbestände geht, mit Mietern ins Gespräch kommt und Aktivitäten in den Nachbarschaften begleitet, dann wird einem unweigerlich vor Augen geführt: Es sind natürlich die Menschen, die darüber entscheiden, ob ein Stadtteil schön, lebendig und lebenswert ist. In sie müssen wir mindestens so investieren, wie wir das in Gebäude tun.
 
Dazu kann jeder etwas beitragen. Soziales Engagement ist kein Selbstzweck und keine Marketingmaßnahme, es sollte selbstverständlich sein. Wir wollen uns auch morgen in unseren Städten wohlfühlen, unsere Nachbarschaften wiedererkennen, mit einem guten Gefühl abends über die Straße gehen? Dann müssen wir heute in Maßnahmen investieren, die soziale Kohäsion fördern.
 
Beispiel Mülheim: Es ist bekannt, dass wir bei MWB an sozialen Wohnungsbau glauben, weil er ein Mittel zur sozialen Durchmischung von Stadtvierteln sein kann. Gated Communities wollen wir nicht, Durchlässigkeit und eine Angleichung der Chancen finden wir sinnvoll. Aber es geht hier nicht alleine darum, ob und wo öffentlich geförderter Wohnraum entstehen soll. Was viele Vereine und gemeinnützige Organisationen leisten, ist unglaublich wertvoll für die Stadtviertel. Wer eine Teilhabe erlebt, sich nicht abgehängt fühlt und einen persönlichen Gestaltungsspielraum empfindet, der entwickelt viel eher ein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Wer die Erfahrung macht, dass sich die eigene Lage verbessern lässt, dass Menschen zusammenhalten und gemeinsam etwas auf die Beine stellen können, gibt diese Erfahrung an kommende Generationen weiter.
 
Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Migranten oder um Menschen mit Migrationshintergrund. Dass auch Menschen, deren Familien seit etlichen Generationen schon in Deutschland leben, sich chancenlos und abgekoppelt fühlen können, ist in der letzten Zeit offensichtlich geworden. Jedem Menschen tut es gut, wenn er ermutigt wird und Gelegenheit bekommt, die Nachbarn besser kennenzulernen. Es hilft, wenn dafür Angebote geschaffen werden. Am erfolgreichsten sind die, die die Nachbarn dann eigenverantwortlich mit Leben füllen.
 
Was gar nicht hilft, ist Schwarzseherei. Sie läuft übrigens auch der Realität zuwider: Die Integration neu angekommener Menschen funktioniert in der Regel gut. Die Kriminalstatistik zeigt, dass Deutschland sicherer ist denn je und der grimmige Kerl an der Bushaltestelle, der so gefährlich aussieht, stellt sich in 9 von 10 Fällen als Papa heraus, der gerade seine Kinder von der Kita abholt. Probleme lassen sich lösen und es ist eben nicht "alles" schlechter geworden. Der eingangs zitierte WAZ-Artikel kommt übrigens auch zu diesem Schluss: "59 Prozent der Befragten beurteilen ihre private wirtschaftliche Lage positiv, fast die Hälfte gab an, dass es ihnen heute besser geht als vor fünf Jahren." Es spielen also auch Befindlichkeiten, Gefühle und Vorahnungen eine große Rolle.
 
Hier lässt sich in beide Richtungen etwas bewegen, das ist die gute Nachricht. Ein Beispiel dafür sehen wir in Heißen, wo seit Spätsommer das neu gebaute Nachbarschaftshaus von den Anwohnerinnen und Anwohnern mit Leben gefüllt wird. Schon die Einweihungsfeier war eine tolle Sause mit vielen bekannten und auch vielen neuen Gesichtern in der großen Menge. Viele Menschen - alte wie junge - haben Lust auf Nachbarschaft, Austausch und Miteinander. Sie bringen sich hier ein, wie sie es früher auf dem Dorfplatz getan hätten. Optimismus und Freude auf das Kommende sind also auch im Bereich des Möglichen.
 
Wir bei MWB wünschen uns, dass es so weitergeht. Ganz ausdrücklich begrüßen wir es, dass im Bundeshaushalt die Städtebauförderung auf einem hohen Niveau von 790 Millionen Euro im Jahr verstetigt wurde, und dass auch für den Integrationspakt "Soziale Integration im Quartier" jetzt gut 200 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung stehen. Dieses Geld schiebt gute Ideen an und wird überall in Deutschland den Nachbarschaften zugutekommen. Am Ende entscheiden aber die Menschen, ob die guten Ideen verstetigt werden. In dieser Hinsicht ist die Hoffnung ganz sicher noch nicht verloren.


Über den Autor

Andreas Winkler

Pressesprecher,

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