12.02.2019

Klimaschutz muss praxisgerecht funktionieren

„Dämmen lohnt sich“, heißt es in einem Werbespot der Dämmstoffhersteller, der regelmäßig zur besten Sendezeit läuft. Dass man durch Dämmen allerdings auch Geld spart, das wird in diesem Werbespot nicht klar gesagt. Verständlich, denn so einfach ist es gar nicht.

„Behaglich“ kann Vieles bedeuten

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass im oben genannten Werbespot stattdessen von Ulrich Wickert, den die Werbetreibenden für das Thema gewinnen konnten, betont wird, durch Dämmung werde ein Haus „behaglich“. Das kann man schon so sehen – wenn mit „behaglich“ gemeint ist, dass der Luftaustausch leidet und man gegebenenfalls mit Algenbewuchs an der Außenwand oder vermehrter Schimmelproblematik im Inneren rechnen muss.

Sarkasmus beiseite. Grundsätzlich gilt natürlich, dass eine angemessene Dämmung ein elementarer Bestandteil des Energiekonzeptes für ein jedes Haus ist. Egal wie Wärme ins Gebäude gelangt: Sie muss auch möglichst lange im Inneren verbleiben.

Trotzdem sollten wir ehrlich darüber sprechen, dass der Klimaschutz im Gebäudebereich lange einem Irrweg gefolgt ist: Immer mehr Dämmung, immer dickere Dämmplatten haben die Energieeinsparverordnung (EnEV) der Jahre 2007, 2009, 2013 und 2014/16 vorgeschrieben. Gedämmt wurde meist mit dem Kunststoff Polystyrol. Der ist zwar nicht per sé gefährlich oder umweltschädlich, aber seine Herstellung und die spätere Entsorgung sind andererseits auch nicht klimaneutral.

Frederik Ruhrort, beim Verband der Wohnungswirtschaft in Düsseldorf Referent für Energie, Umwelt, Bautechnik und Normung, sagt dazu: „Diese einseitige Konzentration auf immer mehr Dämmung an den Fassaden hat die Wohnungswirtschaft schon sehr früh angeprangert, weil sich in der Praxis schnell zeigte, dass ein Grenznutzen erreicht war: Die ersten Zentimeter Dämmung bringen erhebliche Einsparungen, danach flacht die Kurve ab.“ Ab einer Dicke von 16 Zentimetern bringe zusätzliche Dämmung keine nennenswerten weiteren Einsparungen mehr.

In der breiten Öffentlichkeit hatte man es mit Kritik am Thema lange schwer: Da konnten die wohnungswirtschaftlichen Interessenvertreter noch so sehr auf den abnehmenden Nutzen und die steigenden Kosten hinweisen, auf Fachveranstaltungen auf Politiker einreden und in Debatten auf Erfahrungswerte verweisen: In der folgenden EnEV wurde unausweichlich eine dickere Dämmung vorgeschrieben.

Es war ein bisschen das Zeichen für eine Zeitenwende, als der „Spiegel“ im Dezember 2014 seine Titelstory „Verdämmt in alle Ewigkeit“ veröffentlichte. Inzwischen sind wir beim Klimaschutz im Gebäudebereich zum Glück einen Schritt weiter: Den meisten Akteuren ist klar, dass Klimaschutz, der uns allen wichtig ist, eben auch praxisgerecht funktionieren muss.

Der GdW Bundesverband der deutschen Wohnungsunternehmen und -genossenschaften hat das gerade erst wieder betont: Er stellt fest, dass die von der EU gewünschten Netto-Null-Emissionen bis zum Jahr 2050 kaum erreichbar sind, wenn sich nicht die Klimapolitik ändert. Der Verband fordert:

  1. Sofortige Evaluation der Strategie und Praxis (!) bei Energieeinsparung und Klimaschutz der letzten 10 Jahre
  2. Mehr Klimaschutztransparenz und mehr Klimaeffizienz
  3. Die umfassende Einbeziehung der urbanen Zentren durch drastische Vereinfachung der dezentralen Stromerzeugung
  4. Eine aktive, technisch unterstützte Einbeziehung der Verbraucher
  5. Eine in sich konsistente Energie-, Klima-, Bau-, Mieten- und Sozialpolitik
  6. Staatliche Übernahme der Kosten, die ganz am Ende weder von Mietern noch Vermietern sozialpolitisch oder wirtschaftlich getragen werden können
  7. Keine negativen Verteileffekte für Haushalte mit niedrigen Einkommen
  8. Freiwillige Kompensationsmaßnahmen als Klimaschutzmaßnahmen anerkennen.

In Mülheim an der Ruhr wird dieser Weg schon beschritten: Der Energieversorger medl, die Hochschule EBZ Business Schoolund die Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft haben hier das Projekt GreenEnergyFirst gestartet. Frederik Ruhrort hat sich gegenüber MWB positiv darüber geäußert, dass man die Zukunftsthemen anpackt: „Hier wird in der Praxis erprobt, wie ein cleveres Anlagensteuerungssystem, das auf Transparenz und Einbeziehung der Verbraucher basiert, Mietern in ganz durchschnittlichen Bestandswohnungen Vorteile bringt. Innovation, flexible Verbindung neuer Technologien und vielseitige Ansätze sind es, die uns beim Klimaschutz im Gebäudebereich wirklich voranbringen können.“

Vom schönen – aber auch schön naiven – Gedanken, dass ja jeder in die Energieeffizienz investierte Euro durch eingesparte Energie wieder herausgeholt werde, haben wir uns längst verabschiedet. Heute ist Klimaschutz auch eine soziale Frage: Da er nicht kostenneutral zu haben ist, müssen Lösungen her, die gerade Gering- und Normalverdiener nicht zu stark belasten. Wohnungsgenossenschaften wie MWB wollen ihre Mitglieder vor steigenden Wohnkosten schützen und erkunden dafür neue Wege. Würde der Gesetzgeber nicht immer noch verhindern, dass Genossenschaften grünen Strom an ihre Mieter kostengünstig weitergeben können, ohne gewerbesteuerlich „infiziert“ zu werden, dann wäre auch hier schon viel gewonnen.

Man stelle sich das einmal vor: Eine Nachbarschaft, in der auf genossenschaftlichen Dächern oder in einer genossenschaftlichen Kraft-Wärme-Anlage Strom erzeugt wird, welchen die Genossenschaft dann besonders günstig an die eigenen Genossenschaftsmitglieder abgeben kann. Ein System, dessen Vorteile für Menschen und Umwelt vom Gesetzgeber erkannt und unterstützt werden, weil es der Umwelt hilft, dezentrale Energieerzeugung gleich vor Ort im Quartier erleichtert und die Wohnkosten der Menschen senkt. Diesen Gedanken finden wir bei MWB wirklich sehr „behaglich“.

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